Waldbauernverband Nordrhein-Westfalen e. V.

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50 Jahre Waldbauernverband Nordrhein-Westfalen e.V.

Ein Stück nordrhein-westfälischer Forstgeschichte.

von Hans-Jürgen Wegener, Tecklenburg

(nach einem Vortrag anlässlich der Mitgliederversammlung des Waldbauernverbandes am 23. Mai 1997 in Werl).

Fünf Jahrzehnte Verbandsgeschichte. Ob Westfale oder Rheinländer, ob Waldbesitzer oder Forstmann, ob alt oder jung, jeder hat eigene Erinnerungen, Erlebnisse und Eindrücke. Die Darstellung von 5 Jahrzehnten in 45 Minuten kann nur Schlaglichter bringen. Treffen sie das Wesentliche? In einem kann man sich einig sein, im Empfinden von Hochachtung und Respekt für fünf Jahrzehnte ehrenamtlicher Arbeit und Dankbarkeit für die Bewältigung der kaum zu überschauenden Vielfalt hauptamtlicher Tätigkeit.

Wiederbeginn (1946/47)

Erster Waldbauerntag in Arnsberg am 20. Mai 1947. Zusammenschluß des Westfälischen Waldbauernverbandes und des Waldbesitzerverbandes der Nordrhein-Provinz. Vorsitzender wurde Dr. Friedrich Carl Graf von Westphalen-Fürstenberg. Seine Stellvertreter Gutsbesitzer Karl Rentrop aus Bokeloh bei Werdohl und der rheinische Verbandsvorsitzende Franz von Kempis aus Kitzburg.

Diesem Ereignis war viel vorausgegangen. Schon im April 1946, also ein Jahr nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, gab es einen Aufruf, in den Provinzen der englischen Zone, Waldbesitzerverbände zu schaffen. Angeregt worden sei dies vom Deutschen Forst- und Holzwirtschaftsrat für die britische Zone, einer Einrichtung, die ihren Sitz zunächst in Minden, dann aber sehr bald in Hamburg hatte. Leiter war der spätere Landesforstchef von Schleswig-Holstein, Landforstmeister Dr. Schmieder. Aufgabe des Forst- und Holzwirtschaftsrates war es, die britische Militärregierung in allen forst- und holzwirtschaftlichen Fragen zu beraten, Planungen auszuarbeiten und Statistiken zu führen. Der Aufruf zur Bildung von Waldbesitzerverbänden sei mit Zustimmung des Forstoffiziers beim englischen Oberkommando ergangen, hieß es. Das was selbstverständlich, denn ohne Besatzungsoffiziere konnten überhaupt keine wichtigen Entscheidungen getroffen werden (Wegener 1995).

Vermutlich war manches Gespräch nötig, um so weit zu kommen. Und das in der Zeit, in der die wirtschaftlichen Bemühungen fast ausschließlich das Ziel hatten, den Menschen die primitivsten Existenzmöglichkeiten zu sichern. Und da spielte das Holz eine große Rolle. Ein Riesenbedarf bestand an Brennholz. Kohle war nur sehr schwer zu bekommen. Die Beschaffung von Grubenholz für die Zeche des Ruhrgebietes galt als eine der wichtigsten Aufgaben, und der Bedarf an Bauholz für Wiederherstellung und Reparatur von Dächern war dringend notwendig. Die britische Militärregierung zog mit Hilfe der deutschen Stellen alle Register, um den Rohstoff und seine Verteilung „im Griff“ zu behalten.

Vor gravierenden Versorgungsengpässen hatte man größte Sorge. Da konnten Waldbesitzerverbände gute Dienste leisten.

Motivierend war für die Entscheidung der britischen Militärregierung sicher auch die Tatsache, daß die berufsständischen Verbände, die nun wieder aktiv werden sollten, 1933 aufgelöst worden waren, nämlich

- der Westfälische Waldbesitzerverband, Vorsitzender Dr. Graf von Westphalen-Fürstenberg, Geschäftsführer Forstmeister Linke, Haltern,

- der Verband der Waldbauvereine von Westfalen-Lippe, Vorsitzender Karl Rentrop, Bokeloh, Geschäftsführer Oberförster von Lutzau, Kalthof,

- der Verband der Gemeindewaldbesitzer in Westfalen, Vorsitzender Freiherr von Ascheberg, Haus Venne bei Drensteinfurt, Geschäftsführer Oberförster Louis, Willebadessen,

- die Arbeitsgemeinschaft der Westfälischen Waldbesitzerverbände und der Landwirtschaftskammern, Geschäftsführer Forstrat Baumgarten,

- der Waldbesitzerverband für die Rheinprovinz, Vorsitzender Graf v. Westerholt, Burg Arenfels bei Hönningen, Geschäftsführer Forstrat Dintelmann, Bonn (Waldbauernverband 1968).

Der Entschluß, nun wieder Waldbesitzerverbände zu gründen, kam keineswegs nur „von oben“. Er entsprach dem Wunsch der Waldbesitzer. Sie brauchten Informationen und Orientierung. 1945 hatte ja eine neue Zeit begonnen. Unsicherheiten kamen auf: Die immer wieder aufflammende Kritik ob mangelnder Leistungen des Bauernwaldes verbanden manche Forstpolitiker mit der Forderung nach genossenschaftlichen Zusammenschlüssen, ja sogar nach Verstaatlichung, andere mit Bodenreformbetrachtungen. Den Älteren waren derartige Diskussionen aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg noch gut bekannt. Damals wurden Waldbauvereine und Vereinsforstämter (die späteren Kammerforstämter) zur Verteidigung des Privatwaldes gegründet. Folgerichtig machte man sich Gedanken, was nun, nach dem zweiten Weltkrieg, zu tun sei. Ergebnis waren zwei Waldbesitzerversammlungen am 15. April in Arnsberg und am 21. Mai 1946 in Soest und die folgende Gründung der Kreisgruppe Arnsberg des Waldbauernverbandes (Boucsein u.a. 1987). Der Anfang war gemacht.

Einige Monate später registrierte man darüber hinaus die 1946 gegründeten Kreisgruppen Altena, Brilon, Höxter, Lippstadt, Lübecke, Meschede, Olpe, Paderborn-Büren, Warendorf, Wiedenbrück und Wittgenstein. Die ältesten rheinischen Kreisgruppen, Erkelenz und Remscheid, stammen aus dem Jahr 1947 (Waldbauernverband 1968).

Parallel dazu liefen die Gründungsvorbereitungen auf Provinzebene. Am 17. Mai 1946 wurde der Westfälische Waldbauernverband in Münster aus der Taufe gehoben. Fast 1.000 Personen besuchten die Gründungsversammlung, die Ökonomierat Brüning aus Amelsbüren leitete (Boucsein 1987, Waldbauernverband 1968).

Der Verband wurde schnell aktiv. Ein erstes ablehnendes Votum galt der offiziell angestrebten und heftig diskutierten Forsteinheitsorganisation, die natürlich auch wegen der damit sehr viel einfacheren Holzbereitstellung, anvisiert wurde. Im Rheinland war sie vorübergehend entstanden, in Westfalen wurde sie im August 1946 zurückgewiesen (Wegener 1995).

Die Gründung des Waldbesitzer-Verbandes der Nordrhein-Provinz folgte am 28. September 1946 in Bonn. Herr von Kempis hatte sein Rundschreiben vom 2. April mit dem Satz begonnen: „Endlich mal ein Hoffnungsstrahl! Das britische Generalgouvernement hat das Wiedererstehen des Waldbesitzer-Verbandes angeordnet. Leider liegt der Sitz des ehemaligen Vorsitzenden, Graf Westerholt, in der Südrhein-Provinz, so daß er nicht als Vorsitzender in Frage kommt“ (Waldbau-ernverband 1994).

Inzwischen waren am 23. August 1946 mit der Militär-Regierungs-Verordnung Nr. 46 die preußischen Provinzen Rheinland (bereits geteilt in Nord- und Südrhein-Provinz) und Westfalen offiziell aufgehoben und das gänzlich unhistorische, aber doch recht gut gelungene Land Nordrhein-Westfalen gegründet worden. Sie erinnern sich: Mit einem gewissen Pathos löste der Kontrollrat das längst in Deutschland aufgegangene Land Preußen aus, weil man dem stark vereinfachenden Glauben huldigte, Preußen trüge die Hauptschuld an den historischen Verirrungen und den Verbrechen Deutschlands (Mann 1958). - Im Januar nahmen die Ministerien ihre Arbeit auf. Das Land Lippe gliederte sich am 21. Juli 1947 an Nordrhein-Westfalen an. - Läßt man andere Beweggründe unberücksichtigt, war es folgerichtig, daß nach der Gründung des Landes NRW das eintrat, was wir heute begehen: den Zusammenschluß des Westfälischen Waldbauernverbandes und des Rheinischen Waldbesitzerverbandes am 20. Mai 1947 beim ersten Waldbauerntag in Arnsberg.

Der vom Waldbauernverband herausgestellte Gesichtspunkt einer engen Zusammenarbeit des Nichtstaatswaldes hatte zahlreiche Kommunalwaldbesitzer veranlaßt, Mitglied im Waldbauernverband zu werden. Es entstand die Fachgruppe Kommunalwald, deren erster Vorsitzender Stadtdirektor Hahn aus Beuel war. Die Zusammenarbeit währte bis 1966 und lief dann aus, weil sich Aufgaben und Interesse der beiden Waldbesitzer-Gruppen auseinander entwickelt hatten und die Kommunalwaldbesitzer im Gemeinde-Waldbesitzerverband eine spezifische Vertretung sahen (Waldbauernverband 1968).

Wirkung nach außen konnte die Verbandsgründung nur haben, wenn es gelang, den Alltag zu bewältigen. Eine Geschäftsstelle wurde nötig. Sie hatte ihren Sitz zunächst im Hause des Vorsitzenden in Fürstenberg. Erster Hauptgeschäftsführer war Dr. Friedrich Graf von Westphalen, der aus dem Sudetenland vertriebene Vetter des Vorsitzenden. Zwei geliehene alte Schreibmaschinen zählten zur anfänglichen Geräteausstattung. Erst das gütige Geschenk einiger großer Rollen Papier machte den Weg frei für Rundschreiben an die Mitglieder. In einem Brief des Vorsitzenden vom 22.11.1946 an den Kammerforstchef in Münster, Landforstmeister Hertz-Kleptow, zeigte sich eine weitere Papierquelle: „Vorweg möchte ich besonders danken für die freundliche Papierzuteilung....“ Hertz-Kleptows Antwortbrief verweist auf einen anderen Mangel: „Da nun leider die beabsichtigte Rücksprache wieder daran gescheitert ist, daß mir kein Auto zur Verfügung steht....“ (Waldbauernverband 1968). Mangel herrschte an allem noch für geraume Zeit.

Verbandsorganisatorisch waren die Nachkriegsjahre stürmisch. Sie kamen erst allmählich in normale Fahrwasser. Das Verbandsbüro zog 1948 von Fürstenberg nach Meschede, wo auch die 1947 gegründete Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände ihre erste Geschäftsstelle eröffnete. Dr. F.C. Graf von Westphalen war auch dort zum Vorsitzenden gewählt worden. Die Bürogemeinschaft dauerte nicht sehr lange, da bundesweit Arbeitsaufgaben die AGDW veranlaßten, bald nach Frankfurt/Main, an den Sitz der Zweizonenverwaltung, und später in die Nähe der Bundesregierung nach Rheinbach bei Bonn zu ziehen.

Der Waldbauernverband blieb immerhin 20 Jahre in Meschede. Er zog 1968 nach Münster. Die weitere Entwicklung der Geschäftsstelle kennen Sie.

Die Jahre des Aufbaus zählen zu den Höhepunkten des Verbandslebens. Sie lagen zwar in schweren, aber in politisch unerhört guten Jahren der jungen Bundesrepublik. Der Wille, nach diesem Kriegsende wieder etwas zu schaffen, war einhellig. Er war von einem beispielhaften Gemeinsinn getragen, er bezog seine Kräfte aus der totalen Niederlage, aus dem zerstörten Land, aus dem bitteren Heimatverlust der Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen und aus der Hoffnung Aller, endlich wieder normal leben zu können. Er war in den abgelegensten Dörfern des Sauerlandes und der Eifel ebenso spürbar, wie in den Großstädten. Man stelle sich vor: Zum Lemgoer Waldbauerntag 1949 kamen 2.400 Menschen! - Wer später in der behüteten und freien Demokratie unseres Landes aufgewachsen ist, kann sich nur schwer in Wirklichkeit und Wesen der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg und nach eben überstandener Diktatur hineindenken.

Das war die Zeit auch, in der der Wirtschaftsdirektor der Bizone in Frankfurt, Ludwig Erhard, das umfassende Wirtschafts-Reform-Programm entwickelte und diskutierte. Ergebnis war, Auseinandersetzungen mit der damals alles bestimmenden Besatzungsmacht, die 1948 mit der Währungsreform eingeführte freie Marktwirtschaft, die Aufhebung der Bewirtschaftung und die Freigabe der Preise (Langer 1997).

Die Holzbewirtschaftung blieb allerdings bestehen. Wegen des Mangels an Devisen in der Nachkriegszeit und der unzureichenden Versorgung des Marktes mit Holz, konnte sich der Bundesminister für Wirtschaft zunächst nicht zur Freigabe entschließen. Das traf auf viel Kritik des Verbandes. Besonders ärgerlich war der Preisdruck auf inländisches Gruben- und Faserholz. - 1949 wurde die Brennholzbewirtschaftung aufgehoben und im Mai 1952 endlich die gesamte Preisbindung. Das Submissionsverbot fiel ein Jahr später, erfreulichstes Thema des von rund 2.000 Waldbauern besuchten Waldbauerntages in Brilon 1952. Bedeutete doch Erhards Marktwirtschaft Abschied von einer Bedarfsdeckungswirtschaft, die seit 1934 nur staatlich verordnete Holzeinschläge und Holzpreise kannte.

Bewältigung der Kriegsfolgen (1948 - 1956)

Die Gründungsphase, in der man vorwiegend mit sich selbst zu tun hatte, war vorüber. Eine neue Dimension forstwirtschaftspolitischer Arbeit entwickelte sich. Es sollte fortan in weit stärkerem Maße auf Kooperation und Zusammenarbeit mit allen denen ankommen, die das gleiche oder ein ähnliches Ziel anstrebten, schon wieder tätig waren, zusätzlich auf den Plan traten, ihren Einfluß geltend machten und ihre Aufgaben wahrnahmen. Die Forstdienste von Land und Kammern waren bereits da, auch die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald hatte sich 1947 gegründet. Der Deutsche Forstwirtschaftsrat begann seine Arbeit im Dezember 1950 in Wiesbaden, der Deutsche Forstverein in September 1952 in Bonn.

Arbeit gab es in Hülle und Fülle. Zwei übergeordnete Probleme beeinflußten Anfang der fünfziger Jahre Forstpolitik und Forstwirtschaft und damit die Verbandsarbeit. Erstens war das von 1948 bis 1952 der Marshall-Plan. Er war ein von den USA entwickeltes Programm zur Unterstützung und Koordinierung der Wirtschaft in europäischen Ländern. Für Westdeutschland war das der Longtermplan. Er sah unter anderem Rohstofflieferungen aus dem Europäischen Wiederaufbauprogramm und damit eine Wiederankurbelung des Außenhandels vor. Der Longtermplan war also die wirtschaftspolitische Grundlage der Überhiebe, die ab 1952 allmählich wieder in nachhaltige Nutzung übergehen sollten (Speer 1952, Mantel 1958).

Zweitens war es die Vision einer europäischen Integration zur Hebung des Lebensstandards und zur Stärkung der Krisenfestigkeit der Wirtschaft. Die europäische Zahlungsunion, die Liberalisierung des europäischen Handels, der Schumann-Plan und die europäische Verteidigungsgemeinschaft waren die weitgesteckten Ziele. Kostenintensive Vorhaben und das bei der hohen Arbeitslosigkeit dieser Jahre, den Flüchtlingsproblemen, den Besatzungskosten und dem Vorhaben, den inzwischen schon wieder erreichten Lebensstandard nicht zu senken. Nach Auffassung der Bundesregierung war das nur durch eine Ausweitung der Produktion zu erreichen. Das bedeutete für die Forstwirtschaft eine Steigerung dauerhafter Leistungsmöglichkeiten. Produktionsreserven sah man im kleineren Privatwald, allerdings nur unter der Voraussetzung, daß die erstragssteigernden Maßnahmen materiell unterstützt würden (Speer 1952). Der Waldbauernverband befürchtete reglementierende Eingriffe.

Neben diesen wirtschaftspolitischen Entwicklungen beschäftigten den Verband die unmittelbaren Kriegsfolgelasten, die durch die Direktoperationen der North German Timber Control, entstanden. Nach einem Beschluß der Potsdamer Konferenz konnten England, Holland und Belgien in der britischen Zone Holz beschlagnahmen. In NRW waren es bis Juni 1948 2.750.000 fm, die zum großen Teil aus dem Privatwald kamen und die wegen des Wiederaufbaus- und des Grubenholzbedarfes jahrelang zum bis zu dreifachen Jahreseinschlägen führten. Mit der Währungsreform wurde der Einschlag beendet. Die Entschädigungen waren zwar gezahlt, aber vom Waldbesitz wurden weitere 436 Millionen DM als Ausgleich für Verluste wegen entgangenen Zuwachsen und inzwischen erfolgter Währungsumstellung, für Holzpreisdifferenzen, Zinsverluste, Schäden an Nachbarbeständen usw. verlangt. Die Regulierung derartiger Forderungen zog sich lange hin und bekam den endgültigen Abschluß durch das 1969 erlassene Reparationsschädengesetz (Wegener 1996).

Auch die Bodenreform gehört zu den unmittelbaren Kriegsfolgen, die den Verband intensiv beschäftigten. Im September 1947 verlangte die britische Militärregierung die Vorlage eines entsprechenden Gesetzes innerhalb von drei Monaten (Först 1986). Nachdem der erste Entwurf abgelehnt worden war, kam das Gesetz schließlich im Mai 1949 zustande. Es bestimmte, „Grundeigentum natürlicher und juristischer Personen des privaten oder öffentlichen Rechts oder von Gemeinschaften zu enteignen, soweit es 100 ha oder 130.000,-- DM Einheitswert übersteigt....“. Im letzten Augenblick war noch ein Passus geglückt, wonach vor jeder Enteignung freiwillig angebotenes Land zu nehmen sei. Beim Waldbauerntag in Bonn 1950 - 2.000 Teilnehmer - wurde deutlich, daß bei Waldenteignungen nicht nur der Einheitswert, sondern auch das aufstockende Holz zu entschädigen sei.

Blickt man im zu Ende gehenden Jahrhundert auf deutsche Bodenreformereignisse der letzten 50 Jahre zurück, fällt Schärfe und Deutlichkeit der Argumente auf, mit denen damals immer wieder und öffentlich zum Beispiel auf dem Waldbauerntag in Brilon 1952, eine derartige Reform abgelehnt wurde und werden konnte. Man weiß, daß zwischen der humanen Bodenreform im Westen (in der amerikanischen Zone wurde Wald überhaupt nicht einbezogen) und der rücksichtslosen Enteignung in der SBZ, Welten liegen. Es erstaunt, daß die jüngsten Bodenreform-Urteile unserer Bundesrepublik und die hiermit in Zusammenhang stehenden eigentumsfeindlichen Äußerungen von Politikern, von den Verbänden vergleichsweise milde hingenommen worden sind und werden.

Waldbauern-Verbandspolitik der Nachkriegsjahre

Wenige Einblicke müssen genügen. Es war eine konservative Politik, eine Politik der Nachkriegs-Neuorientierung in freier Marktwirtschaft, nach NS-Zeit, Krieg und strenger Planwirtschaft. Sie war breit getragen und fand ihren öffentlichen Ausdruck in den jährlichen Mitgliederversammlungen, den Waldbauerntagen, zu denen regelmäßig wenigstens 2.000 Waldbauern kamen. Geformt wurde sie durch
- den Vorstand, bestehend aus Dr. F.C. Graf von Westphalen, Karl Rentrop und Walter Freiherr von Loe,
- die Geschäftsführung, die von Dr. Friedrich Graf von Westfalen geleitet wurde und zu der Dr. Heinrich Tischbein und Albrecht Freiherr von Keyserlingk gehörten,
- und den Ausschuß, der bei der großen Zahl der Mitglieder als arbeitsfähiges Satzungsorgan gegründet worden war und der aus den Kreisgruppenvorsitzenden und 12 zugewählten Mitgliedern bestand. Er tagte viermal im Jahr, meist in Hamm.

1951 kam ein aus 9 Persönlichkeiten bestehender Finanzausschuß dazu, der im Laufe der Zeit immer mit allgemeinen Fragen der Forst- und Verbandspolitik befaßt wurde.

Strukturwandel (1957 - 1979)

In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre entwickelte sich ein verändertes Umfeld. Der Konjunkturanstieg verlangsamte sich. Die Holzpreise fielen. Aus dem Verkäufer- wurde ein Käufermarkt. Während das Aufbaujahrzehnt unter einem verhältnismäßig günstigen Stern stand, wurden nun plötzlich Strukturschwächen sichtbar, die nicht mehr unter der Rubrik „rhytmische Konjunkturschwankungen“ abzubuchen waren (Ernst 1958):

- die Gegenläufigkeit von Preisen und Kosten wurden deutlich,
- die inländische Rohstofferzeugung wurde durch die Liberalisierung der Einfuhren einem unbeschränkten Wettbewerb ausgesetzt und da-mit geschwächt,
- ein kaum bemerkbarer, struktureller Rückgang des Bauholzverbrauches um 2/3 Baueinheit hatte in der Nachkriegszeit eingesetzt. Er wurde durch die Wiederaufbau-Mengenkonjunktur verschleiert und nun durch deren Abschwächung offensichtlich,
- die Buche wurde durch starkes Eindingen von Überseehölzern zurückgedrängt,
- der Grubenholzverbrauch nahm ab 1957 durch technische Neuerungen und einem veränderten Ausbau unter Tage drastisch ab.

Im Herbst 1962 titelte der Hauptgeschäftsführer des Waldbauernverbandes, Dr. Friedrich Graf von Westphalen, einen Aufsatz „Die Forstwirtschaft in der Krise“. Stichworte daraus: Wirtschaftlichkeit in Frage gestellt, Verfall der Buchenpreise, preisdrückende Einfuhr aus Ostblockländern, schlechte Ergebnisse auch für die Kiefer, auch die Fichte sackt ab, steigende Kosten, gefordert werden mehr Schutz durch handelspolitische Maßnahmen und Überprüfung des Steuerrechts, notwendig ist eine Verstärkung der Förderung. Beim Waldbauerntag 1963 in der Bonner Beethovenhalle untermauerte der Vorsitzende in seinem Grundsatzreferat diese Feststellungen mit Zahlen, Argumenten und wirtschafts-, handels-, forst- und verkehrspolitischen Wünschen und Forderungen.

Das waren ungewohnte Entwicklungen. Hatte man doch in den letzten 20 Jahren so etwas überhaupt nicht erlebt. Autarkie in der NS-Zeit, dramatische Holzknappheit unmittelbar nach dem Kriege und ein satter Verkäufermarkt. Holz war hochbegehrt und wurde gut bezahlt. Davon waren Waldbesitzer und Forstleute geprägt. Überwiegend glaubte man allerdings an eine Konjunkturschwankung und verließ sich auf den sicher kommenden Aufwärtstrend. Wer diese Entwicklung als Strukturkrise erkannte, riet dringend zu nachhaltig durchgreifender Kostensenkung (Strehlke 1958).

Der Waldbauernverband setzte auf Leistungssteigerung im Kleinprivatwald, auf forstliche Zusammenschlüsse, auf Rationalisierung im Betriebsgeschehen, auf gemeinschaftlichen Wegebau, auf Anschaffung und Einsatz von Maschinen und Geräten durch forstliche Zusammenschlüsse, auf Waldflurbereinigung, auf einfallsreiche Holzvermarktung, natürlich auch auf die Fortbildung der Waldbauern in Allagen und Wiehl. Das entsprach auch der Landesforstpolitik, die schon bald nach dem Kriege deutlich gemacht hatte, daß die Steigerung der forstlichen Erzeugung wichtig und förderungswürdig und daß der Aufbau einer forstlichen Wirtschaftsberatung erforderlich sei.

Die Zusammenschlußart war nach wie vor die Waldwirtschaftsgemeinschaft. Sie wurde erstmalig durch den Vorsitzenden der Kreisgruppe Arnsberg, Adolf Schulte-Uentrop und den Leiter des Forstamtes Arnsberg der Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe, Karl Boucsein, als besonders geeignete Form nachbarschaftlicher Zusammenarbeit, angewandt. Der im Arnsberger Bezirk entstandene Gesellschaftsvertrag wurde zum Muster für andere Waldwirtschaftsgemeinschaften und fand im Waldschutzgesetz von 1950 gesetzliche Verankerung (Boucsein u.a. 1987).

Die praktische Ausführung dieser Forstwirtschaftspolitik lag bei den Forstdiensten der Landwirtschaftskammern. Das Vertrauensverhältnis zwischen Waldbauern und Forstleuten war in der Regel gut. Die Harmonie wurde durch die Tatsache gestärkt, daß zahlreiche Kammer-Forstleute in den Geschäftsführungen der Kreisgruppe des Waldbauernverbandes mitarbeiteten und demzufolge auch bei den mehrmals im Jahr stattfindenden Ausschußsitzungen dabei waren. Der Waldbauernverband respektierte die Tatsache, daß die Forstdienste gesetzlich vorgeschriebene Hoheitsaufgaben wahrzunehmen hatten und für die Forstleute war die Achtung vor dem Eigentum und der Selbstverwaltung selbstverständlich. Eine gute Grundlage für eine dauerhaft tragbare Basis.

Die Bemühungen, der forstlichen Strukturkrise entgegenzutreten, öffneten aber auch den Blick nach Schweden und auf das dortige erfolgreiche Wirken der Waldbesitzerverbände. Erfuhr doch das Holz der schwedischen Verbandsmitglieder, durch Weiterbehandlung in eigenen holzverarbeitenden Industriebetrieben, eine beachtliche Wertsteigerung. Der Gedanke, diesen Weg auch hier zu beschreiten, stieß auf großes Interesse. Seine Ausführung wurde mit viel Verantwortungsgefühl, Hingabe und großem Einsatz, teilweise auch mit hohem finanziellen Engagement betrieben. Der Mißerfolg war schmerzlich, manchmal auch hart.

Ein erster Ansatz zu derartigen Aktivitäten war der dramatische Rückgang des Grubenholzabsatzes. Er veranlaßte die Kreisgruppen Borken und Recklinghausen des Waldbauernverbandes 1963 zu einer Resolution zur wirtschaftlichen Lage des Waldbesitzes im Industriegebiet. Der Ernährungsausschuß des Landtages griff das Thema auf und legte eine seiner Sitzungen nach Haltern. Die Kreisgruppe überzeugten mit der Entschlossenheit zur Selbsthilfe und dem Plan, ein Spanplattenwerk bauen zu wollen. Der Betrieb ging 1964 in Produktion und erweiterte 1966/68. Er scheiterte 1972 am Geld. Notwendiges weiteres Wachstum war nicht zu verwirklichen und die Fremdkapitalbelastung zu hoch.

Ein zweiter Ansatz ergab sich durch die heranwachsenden, zuwachsstarken Fichtenbestände im Märkischen Sauerland. Das Absatzgebiet für Waldholz war schwach mit moderner Sägewerkskapazität ausgerüstet. Das vor den Toren liegende Ruhrgebiet ermutigte 1965 Waldbesitzer, Forstleute und Industrielle, unterstützt von Landwirtschaftskammer und Waldbauernverband, das „Holzwerk Mark“ zu planen. Viele beteiligten sich. Zur ersten ordentlichen Hauptversammlung der „Holzwerk Mark KGaG“ kamen 600 Kommanditaktionäre aus den Kreisen Arnsberg, Meschede, Oberbergischer Kreis, Olpe und Rheinisch-Bergischer Kreis. Das Werk lief 1971 an. Es hatte große Anfangsschwierigkeiten, da sich das zur Gründung führende Preisloch unerwartet zugezogen hatte, die Fichtenholzpreise demzufolge anstiegen und dem Werk auch von den Aktionären nichts „geschenkt“ wurde. 1975 mußte es Konkurs anmelden.

Der dritte Ansatz zielte in die Holzvermarktung. 1966 begannen Beratungen zur Gründung einer Holzverwertungsgesellschaft, in deren Mittelpunkt das eingesessene Zellstoffwerk Gründewald stand. Mitglieder und Gründer erhofften sich Vorteile durch den gesammelten Absatz des schwachen Holzes in großen Angebotsmengen und durch weitgreifende Rationalisierungsmaßnahmen in Aufarbeitung und Bringung des Rohholzes. 1967 wurde die „Holzerzeugergemeinschaft Sauerland“ gegründet. 1976 beschloß die Mitgliederversammlung, Geschäftseinstellung und Rückzahlung der eingelegten Geschäftsanteile. Man hatte erfahren, daß der Individualismus vieler - auch holzverkaufender Forstleute - so groß war, daß darüber allseits anerkannte Möglichkeiten einer Rationalisierung des Holzabsatzes durch Kooperation vergessen wurde. - Die später entstandene, und auch anders gelagerte, Holzein- und verkaufsorganisation der Raiffeisen-Warenzentrale hat sich dagegen sehr bewährt und arbeitet heute noch zur Zufriedenheit der Beteiligten.

Im Rheinland entstand auch, im September 1968, die erfolgreiche Erzeugergemeinschaft „Waldgrün Rheinland“, die sich mit dem Verkauf (auch Versteigerungen werden beschickt) von Waldgrünprodukten befaßt. Sie kennen sie und ihre Tätigkeit.

Neben den existentiellen ökonomischen Sorgen der Forstbetriebe, hatte sich der Verband zunehmend mit den Aufgaben zu befassen, die im dichtbesiedelten und sich wirtschaftlich rasant entwickelnden Industrieland NRW eine immer stärkere Rolle spielten. In den Gesamtkonzeptionen (Landesentwicklungsgesetze von 1962 und Landesentwicklungsprogramm von 1964) wurde der Wald als wichtiges Gestaltungselement der Landschaft, sehr beachtet. In Ballungsrandzonen mit unbebauten Flächen wurde er unverzichtbar. Er war zu erhalten und planerisch zu sichern. Ungeordneter räumlicher Entwicklung war vorzubeugen, einer Zersiedlung entgegenzutreten. Wasserschutz- und speichergebiete wurden festgelegt, Naturparks mit gebietlicher Abgrenzung und verkehrsmäßiger Anbindung entstanden. Landschaftsschutzverordnungen sicherten besondere Gebiete. Die Sozialbindung des Eigentums wurde immer mehr diskutiert. Der Waldbesitz fürchtete Eigentumseinschränkungen. Sie waren für ihn undiskutabel. Die freie wirtschaftliche Betätigung auf eigenem Grund mußte selbstverständlich bleiben.

Ein längst bekanntes, aber erneut heiß diskutiertes Thema dieser Jahre waren die Rauchschäden im NRW-Industriegebiet. Die aus massierten Großrauchquellen kommenden Schadstoffe wirkten sich höchst negativ auf 40.000 ha Wald aus. Die Waldbesitzer waren ohne gesetzlichen Schutz und ohne realisierbaren Anspruch auf Schadenersatz. Gefordert wurde, auch durch den Waldbauernverband, ein Institut für Immissionsökologie und Landschaftspflege, daß sich dieser Probleme ernsthaft annehmen sollte.

Ein besonderes Ereignis der 60er Jahre war der Waldbauerntag am 8. Juni 1967 in der Bonner Beethovenhalle. Man sprach von einer „katastrophalen Lage der Forstwirtschaft“. Derartige Worte wogen damals schwerer, als man die Superlative noch nicht so sehr mißbrauchte. Verständlich, daß das Grundsatzreferat von Landwirtschaftsminister Deneke an diesem Tag im Mittelpunkt des Interesse stand. Er legte sein Programm für eine Verbesserung der Lage vor. Ein neues Forstgesetz müsse geschaffen werden, mit dem die „buntscheckige“ Gesetzgebung, zu der Vorschriften-“Fossilien“ aus dem vorigen Jahrhundert und auch das Gemeinschaftswaldrecht gehörten, ersetzt wird. Als forstpolitische Ziele des Landes nannte er an erster Stelle die Entwicklung des Wohlfahrtswirkungen spendenden Waldes und erst dann die Stärkung der wirtschaftlichen Lage der Forstbetriebe. Notwendig sei die Stützung forstwirtschaftlicher Zusammenschlüsse, der Ausbau der Beratung, die Aus- und Fortbildung der Waldbesitzer, eine Verbesserung des martkgerechten Holzangebotes und, als ein Mittel, um dies zu erreichen, eine regionalbezogene Verwaltungsreform.

Schlaglichter aus der Waldbauernverbandsgeschichte der späten 50er und der 60er Jahre. Die Schwierigkeiten der Urproduktion warfen ihre Schatten bereits voraus, aber es war für unser Land eine gute Zeit. Gemeinsinn galt mehr als Egoismus, Leistungsbereitschaft rangierte vor Anspruchsdenken. Unternehmenswille und Gestaltungsfreude ließen die Wirtschaft boomen, aber man hatte nicht nur Geld und Märkte im Sinn. Visionen belebten und beflügelten die politisch Handelnden.

- Die Führung des Verbandes hatte Graf Westphalen 1968 an den ehemaligen Landtagsabgeordneten Leopold Freiherr von Fürstenberg abgegeben. Stellvertreter waren Adolf Schulte-Uentrop und Walter Freiherr von Loe, ab 1967 der neue rheinische Vorsitzende Wessel Freiherr von Loe.

- Dr. Friedrich Graf von Westphalen übergab die Geschäftsführung 1963 an Hans-Jürgen Wegener, der sie bis 1969, zunächst gemeinsam mit Gottfried Freiherr von Lüninck und später dessen Nachfolger Assessor Wolf-Hubertus Kolster innehatte.

- Der Landesgruppe Rheinland stand in dieser Zeit Walter Freiherr von Loe vor und ab 1967 Wessel Freiherr von Loe. Die Geschäftsführung wurde von Lfm. Schmidtkunz und anschließend von Ofm. Dr. Genßler wahrgenommen.

Forstpolitische Aktivitäten von Bund und Land (1970 - 1980)

Nach Denekes Ausführungen auf dem Waldbauerntag 1967 kam neuer Schwung in die Forstpolitik des Landes. Man war sich einig. Der Präsident der Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe, Karl Bewerunge, sprach sich Wochen später auf dem Delegiertentag des Agrarausschusses der CDU Westfalen-Lippe auch für eine Vereinheitlichung und Zusammenfassung der Forstverwaltung aus. Er schlug dafür die Landwirtschaftskammern als Land- und Forstwirtschaftskammern vor und wandte sich eindeutig gegen eine Übertragung der Forstaufsicht an die innere Verwaltung. - Der Waldbauernverband wünschte ebenfalls eine Wahrnehmung der forstlichen Aufgaben durch die Kammer-Selbstverwaltung, lehnte die inzwischen in die Diskussion gekommene Unterstellung der Forstwirtschaft unter den Landesbeauftragten ab und wandte sich, wie Bewegunge, gegen eine Übertragung der Forsthoheitsaufgaben an die innere Verwaltung.

Das Gesetz wurde hinsichtlich der Verwaltungsreform ein Kompromiß. Dem Waldbauernverband war es zu staatlich organisiert. Beständig blieb es in der Kleinprivatwaldförderung.

Die 1971er Auseinandersetzungen zwischen Verband und Land wegen unterschiedlicher Auffassungen über die Schwerpunkt-Forstamtsbildung waren eigentlich nur Randgefechte. Bekanntlich sollten Forstämter, die vorwiegend öffentlichen Wald hatten, staatliche und solche, in denen der Privatwald dominierte, Kammereinrichtungen werden. Der Eindruck entstand, daß seitens des Landes versucht wurde, die Zahl der künftigen staatlichen Forstämter ungerechtfertigt zu erhöhen. Derartiger Stil war bisher in der Landesforstpolitik nicht üblich gewesen. Es bauten sich Reserven auf. Gelassenheit gehörte ohnehin zu dieser Zeit nicht zu den hervorstechenden Eigenschaften der Partner. Bald wurde es in einem Erlaß als nicht mehr zeitgemäß angesehen, daß Forstleute der Kammern in den Geschäftsführungen der Kreisgruppen mitwirkten. Damit entfiel zwangsläufig auch die Teilnahme von Forstleuten an den Ausschußsitzungen. Das brauchte auf Dauer gewissen Abstand, der sich allerdings auf die forstliche Betreuung in der Praxis nicht auswirkte.

Ein neuer forstpolitischer Trend zeichnete sich auch durch die Aktivitäten des Bundes ab. Verschiedene forstpolitische Gesetze erschienen in diesen Jahren. Zu nennen sind das Forstschädenausgleichsgesetz, das Gesetz über forstliche Zusammenschlüsse, das Absatzfonds- und das Marktstrukturgesetz, das Gesetz über gesetzliche Handelsklassen für Rohholz, das Reparationsschädengesetz, das Bundeswald- und das Naturschutzgesetz. Zum Teil waren es vom Waldbesitz gern gesehene, zum Teil aber auch Gesetze, die zur Befürchtungen für die Freiheit des Eigentums Anlaß gaben. Wirklicher „Landes-Zündstoff“ entwickelte sich mit den Beratungen zum Landschaftsgesetz und mit dessen Inkrafttreten im April 1975. Kritik des Waldbauernverbandes: Das Gesetz enthält unbestimmte Rechtsbegriffe, außerdem werden Maßnahmen für den Naturhaushalt mit solchen gleichgesetzt und vermischt, die der Landschaftsschönheit dienen, das Land wird unnötig verplant, die Entschädigungsregelungen sind unzureichend, das Gesetz enthält eigentumsfeindliche Bestimmungen usw. Wie das immer so ist: der Alltag und viele Diskussionen brachten im Laufe der Zeit gewisse Beruhigung. Beim Waldbauerntag in Attendorn 1978 (400 Teilnehmer) referierte Minister Deneke ungehindert über die hohen Anforderungen und Erwartungen an die Schutz- und Erholungsfunktionen des Waldes im dichtbesiedelten und hochindustrialisierten Land NRW. Er sprach natürlich auch über die nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder, die Nutzung des Holzes und prophezeite dem Wald eine gute wirtschaftliche Zukunft. Deneke betonte, daß auch die Forstwirtschaft in ihrer Zielsetzung und bei ihren Maßnahmen politischer und parlamentarischer Mehrheiten bedürfe. Diese seien nicht ohne Anteilnahme und Zustimmung einer breiten, waldbewußten und waldfreundlichen Öffentlichkeitsarbeit zu haben.

Wer nahm derartige Worte so ernst, wie sie gemeint waren? Eigentlich lag in ihnen ein deutlicher Hinweis auf die veränderte forstpolitische Landschaft. Ganz neu war dies allen nicht. 1968 hatte Hasel in einem Grunsatzreferat „Die Zukunft der deutschen Forstwirtschaft“ festgestellt, daß sich das überkommene Leitbild mitteleuropäischer Forstwirtschaft verändert habe. Die landespflegerischen Aufgaben des Waldes, die früher als selbstverständliche Nebenwirkung einer geordneten Waldbewirtschaftung galten, hätten in der Industriegesellschaft an Wert gewonnen. Holzproduktions- und Dienstleistungsbetrieb bildeten in Zukunft gemeinsam den Forstbetrieb moderner Prägung (Hasel 1968). Und der war auch am Ende der 70er Jahre nicht auf Rosen gebettet, wie man besonders am Mißverhältnis von Kosten und Erträgen im Wirtschaftsbetrieb ablesen konnte. Speidel (1976) machte richtiger- und vernünftigerweise deutlich, daß die Forstwirtschaft zusätzliche Dienstleistungslasten nur noch in dem Maße erbringen und erweitern könne, wie sie von Bund und Land gefördert würden.

Der Verband stand in den 70er Jahren hauptsächlich in der Abwehr. Es war eine schwierige Zeit, weil die Politik in Bund und Land ziemlich ungehindert neue Akzente setzte. Der Verband igelte sich ein, wehrte sich gegen den Staat, sah vorwiegend die eigenen Interessen und vermutete vom Partner nicht nur Wohltaten. Er lag in der Zeit, daß viel Gemeinsinn verloren ging und Egoismus aufgebaut wurde.

Die Führung des Verbandes hatte in dieser ungemütlichen Zeit Alexander Freiherr von Elverfeldt, der den bisherigen Vorsitzenden, Leopold Freiherr von Fürstenberg, 1973 abgelöst hatte. Als Stellvertreter wirkten August Wehebrink, Meinholf Mertens MdL und Wessel Freiherr von Loe, ab 1973 der neue rheinische Vorsitzende Bertram Welz.

Die Satzungsänderung von 1976 sah den Vorsitzenden und nur zwei Stellvertreter vor. Nun gehörten dem Vorstand auch die Präsidenten des Rheinischen und des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes und vier weitere Beisitzer an.

Die Geschäftsführung lag seit 1970 in den Händen von Pius Graf von Ballestrem, der traditionsgemäß diese Tätigkeit auch für die Arbeitsgemeinschaft des Grundbesitzes wahrnahm (Vorsitzender bis 1994 Clemens Freiherr von Ketteler, dann Georg Freiherr von und zu Brenken). Ab 1975 kam zusätzlich Rudolf Bonse in die Geschäftsführung.

Die rheinische Geschäftsstelle wurde seit dem Ausscheiden von Dr. Genßler von Herrn Alpen und später von Frau Linden geleitet.

Nach außen trat der Verband 1973, 1976 und 1978 mit Waldbauerntagen in Godesberg, Dortmund und Attendorn auf. Die bisherigen Ausschußsitzungen, die meist mehrmals im Jahr waren, wurden ab 1976 zu der in der Regel einmal stattfindenden Landesverbandsausschußsitzung, die meist auch einen öffentlichen Teil hat.

Anerkannter forstpolitischer Partner (1980 - 1997)

Geschichte ist das noch nicht, was im letzten Abschnitt zu erwähnen ist. Das wird spätestens deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß

- die Führung des Verbandes bis 1989 in den Händen von Alexander Freiherr von Elverfeldt lag, der zugleich Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrates war. Ihm folgte Philipp Prinz zu Salm Horstmar.

- In der Geschäftsführung ist Pius Graf Ballestrem seit 1970 tätig. Mit ihm zusammen arbeitete bis 1981 Rudolf Bonse und seither Nicolaus von Köckritz.

Das ist eher eben vergangene Gegenwart. Man wird erdrückt von der Fülle der Ereignisse, weil natürlich alles noch so nah ist und so wichtig erscheint. Sie haben das alles miterlebt, daher erwähne ich nur ganz wenige herausragende Ereignisse.

Während der 70er Jahre mit der Neuausrichtung der Forstbehörden Aufgabenkonzentration und Rationalisierung gebracht und mit der Landschaftsgesetzgebung erweiterte Anforderungen an den Wald eingeläutet hatten, brachten die 80er Jahre mit dem erschreckenden sogenannten Waldsterben ein schlagzeilenträchtiges Phänomen, welches der Forstwirtschaft viel politische Aufmerksamkeit einbrachte. Auch der Waldbauernverband nahm sich der Frage aktiv an.

1981 lud er den Ernährungsausschuß des Landtags in das Sauerland ein. Eine Landtagsdebatte und ein Besuch des neuen Landwirtschaftsministers Bäumer beim Landesverbandsausschuß folgten. Der bundesweite Kölner Waldbauerntag von 1984 hatte das Motto „Reine Luft für Wald und Mensch“. Beim Waldbauerntag 1989 in Frankfurt/M. wurde die Regierung aufgefordert, die in ihrer Existenz geschädigten Waldbesitzer nicht rechtlos den Folgen unzureichender Luftreinhaltung zu überlassen. - Viel ist im Laufe der Jahre von Bund und Land getan worden, aber das Thema beschäftigt uns noch heute.

Im forstwirtschaftlich-forstpolitischen Alltagsgeschäft der 80er Jahre war nach wie vor Bewegung. Während in den 60er Jahren die Forstämter der Landwirtschaftskammern fast alleinige Ansprechpartner für die Waldwirtschaftsgemeinschaften waren, setzte der Waldbauernverband nun neue Signale. Die notwendig werdende Umwandlung in Forstbetriebsgemeinschaften zeigte dies noch nicht. Aber danach wurde deutlich, daß der Verband Sorge vor zu intensiver Forstamtsbetreuung und zu starkem staatlichen Einfluß hatte. Er strebte eine gewisse Distanz an. Die Suche nach Ausbildungsmöglichkeiten für den mittleren Privat-Forstdienst und der Wunsch, die Forstwirtschaftsmeister-Lehrgänge um eine Betriebsführer-Ausbildung zu verlängern, unterstrich dies. Die Diskussionen zwischen 1975 und 1985 entzogen der eigentumstreuen und selbstverwaltungsgewöhnten Forstorganisationen gewissen Vertrauen und kratzten am Selbstvertrauen. Man ordnet diese Entwicklung wohl richtig ein, wenn man feststellt, daß die bäuerlichen Waldbesitzer fürs Tägliche nach wie vor ihren Förster sahen und sehen und forstpolitische Regungen aus höheren Ebenen erst beachten, wenn es an die Substanz geht.

Klar war zu Beginn der 90er Jahre, daß das Holzmarktgeschehen im Lande reformbedürftig sei. Dafür sprach die aktuelle Konzentration der Nachfrageseite, aber auch der kommende EG-Binnenmarkt. Von ihm erwartete man eine Intensivierung des Wettbewerbs auf den Holzmärkten, Anpassungsdruck auf die Holzwirtschaft und damit eine Offenlegung vor Strukturdefiziten. Man fürchtete deren Wirkung auf die Forstwirtschaft, die nicht in der Lage sei, diese Entwicklung aufzuhalten (Thoroe 1992).

Handeln war erforderlich. Der Verband entwickelte eine Kooperations-Initiative, die 1990 schon durch eine gemeinsame Sturmholz-Erklärung mit dem Landesverband der Sägeindustrie, von sich Reden machte. Die aus mehreren Forstbetrieben bestehende „Holzvermarktungsgemeinschaft Sauerland e.V.“ mit dem Ziel gemeinsamer Planung und Koordination und Durchführung der Holzvermarktung der Mitglieder, folgte.

Die Landesforstverwaltung brachte zunächst ein exklusives und ungeliebtes Holzvermarkungskonzept heraus, aus dem sich nach unnötigen Auseinandersetzungen an allen denkbarem Fronten, nach vielen Gesprächen und einem Gutachten vom Göttinger Professor Dr. Becker, dann ein vom Waldbauernverband, vom Waldbesitzerverband der Gemeinden und der Landesforstverwaltung getragenes Konzept einer „Gemeinschaftlichen Holzvermarktung“ entwickelte. Das muß sich nun bewähren.

Ein Markstein in der jüngsten Verbandsgeschichte sind die Warburger Verträge. Sie wurden im August 1994 zwischen dem Waldbauernverband, dem Gemeindewaldbesitzerverband und dem Land geschlossen und haben Naturschutz und Wald zum Inhalt. Ausgangspunkt war der Wunsch des Landes, großflächig schützensnotwendige „sommergrüne Laubwälder“ auszuweisen. Die Besonderheit: Der Schutz soll nicht ordnungsbehördlich, sondern vertraglich garantiert werden. Kernstück der Vereinbarung ist der finanzielle Ausgleich von Belastungen und die Kooperation zur Lösung von Interessenkonflikten. Ein schöner Erfolg. Verwirklichung des beharrlich geforderten Vertragsnaturschutzes.

Erlauben Sie an dieser Stelle ausnahmsweise einen Blick in die Zukunft. In der Verbandsgeschichte zu diesem letzten beschriebenen Zeitabschnitt werden beim 75-jährigen, also in 25 Jahren, vielleicht hier in Werl, sicher Diskussionen um das Landschaftsgesetz aus der Mitte der 80er Jahre eine Rolle spielen, vermutlich auch das NRW-Programm „Natur 2000“, die Gefechte um die naturnahe Waldbewirtschaftung, bei denen sogar Generalforstmeister von Keudell bemüht wurde, natürlich auch das Projekt Biosphärenreservat Rothaargebirge und ganz sicher wird die nun erfreulicherweise überstandene Forstreform nicht vergessen. Warten wir es ab! Vielleicht überdecken aber auch viel einschneidendere Entwicklungen solche „Kleinigkeiten“.

Auch im letzten Abschnitt seiner Geschichte, in der Zeit also von 1980 bis 1997, stand der Verband vielfach in der Abwehr. Das wurde gemildert durch die wachsende Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit verschiedensten Partnern und das Hineinwachsen in die Rolle eines sehr anerkannten Gesprächspartners der Politik, der immer Vertrauen in die eigene Sache zeigt und sich gegen jede Einschränkung der Wirtschaftsfreiheit verwahrt. Ein guter Weg, den der Verband eingeschlagen hat. Zusammenhalt und Zusammenarbeit, eventuell auch einmal in etwas ungewohnteren Gefilden, Gleichgesinnter in Sachen Land- und Forstwirtschaft ist dringend vonnöten. Mehr Terrain darf uns nicht verloren gehen.

Ein Galopp durch 50 Jahre Waldbauernverbandsgeschichte. Im ruhigen Trab der letzten Sätze möchte ich den Blick noch einmal an den Anfang lenken und dankbar der Männer der ersten Stunde gedenken. Lassen Sie mich stellvertretend für alle Dr. Friedrich Carl Graf von Westphalen nennen, den wir alle sehr verehrt haben.

Hans-Jürgen Wegener


L i t e r a t u r

Boucsein, Karl u. Schockemöhle, O.
Forstamt Arnsberg 1937 – 1987
Münster 1987

Strukturwandlungen auf dem Holzmarkt und ihre Auswirkungen auf die Forstwirtschaft
Deutscher Forstverein, Jahresbericht 1958

Först, Walter
Kleine Geschichte Nordrhein-Westfalens
Düsseldorf 1986

Hasel, Karl
Die Zukunft der deutschen Forstwirtschaft
Deutscher Forstverein, Jahresbericht 1968

Langer, Wolfgang
Wer ist denn eigentlich dieser Ludwig Erhard?
Frankfurter Allgemeine Zeitung 1. 2. 1997

Mann, Golo
Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
Frankfurt/Main 1958

Mantel, Kurt
Die europäische Wirtschaftspolitik und die deutsche Forstwirtschaft
Deutscher Forstverein, Jahresbericht 1958

Speer, Julius
Die Beziehungen der Forstwirtschaft zum Bund und zu den Ländern
Deutscher Forstverein, Jahresbericht 1952

Speidel, Gerd
Wirtschaftliche Grenzen der Sozialpflichtigkeit des Waldeigentums
Deutscher Forstverein, Jahresbericht 1976

Strehlke, E.G.
Aufbau und Entwicklung der Kostenstruktur forstlicher Betriebe
Deutscher Forstverein, Jahresbericht 1958

Thoroe, C.
EG 1992 - Was kommt auf die Forst- und Holzwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland zu?
Deutscher Forstverein, Jahresbericht 1990

Waldbauer
Der Waldbauer, Mitteilungsblatt des Waldbauernverbandes NRW, Abteilung Nordrhein und der Forstabteilung der LK Rheinland 1962 - 1969

Waldbauer
Der Waldbauer, Beilage des Wochenblattes, Mitteilungsblatt des Wald-bauernverbandes NRW e.V. und der Forstabteilung der LK Westfalen-Lippe 1948 - 1962

Waldbauernverband
Der Waldbauernverband, Mitteilungsblatt des Waldbauernverbandes NRW e.V.
1968 - 1997

Waldbauernverband
Vor 75 Jahren. Waldbauernverband für die Rheinprovinz. Festakt am 10. 11. 1994 in Bonn

Waldbauernverband
Waldbauernverband NRW e.V. 1946 - 1968, Meschede 1968

Waldbauernverband
Rundschreiben der Abteilung Nordrhein des Waldbauernverbandes 1955 - 1964

Waldbauernverband
Rundschreiben der Geschäftsstelle des Waldbauernverbandes 1950 - 1968

Wegener, Hans-Jürgen
Vor 50 Jahren: North German Timber Control. Heute nur noch ein Kapitel der Forstgeschichte
Forst und Holz 25. 12. 1996

Wegener, Hans-Jürgen
Vor 50 Jahren: Forstlicher Neubeginn in Westfalen und am Niederrhein
Forst und Holz 25. 6. 1995